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Plastische Chirurgie als Hoffnung für die Ärmsten.

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Alexianer-Forum (2008), Nr. 2  

Dr. Alexander Schönborn, Oberarzt, Zentrum für Plastische und Ästhetische Chirurgie,
St. Josefs-Krankenhaus Potsdam

Plastische Chirurgie als Hoffnung für die Ärmsten

Statt Erholungsurlaub hilft Dr. Schönborn mit INTERPLAST in Afrika

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Dr. Alexander Schönborn (3. v. l.), inmitten seines Operationsteams in Madagaskar 
Fotos: privat

Plastische Chirurgie - da fallen einem zuerst Pamela Anderson und Cher ein, die unters Messer gerutscht sind, um noch schöner zu werden. Aber Plastische Chirurgie in einem Entwicklungsland? Haben diese Länder nicht ganz andere Sorgen?

1980 wurde Professor Lemperle, ein renommierter Plastischer Chirurg aus Frankfurt nach Ecuador eingeladen, um dort einige Patienten zu operieren. Das Team sah dort Patienten, die stärkste Verbrennungskontrakturen hatten, wo Arme, Hals und Oberkörper so grotesk verwachsen waren, dass eine Operation unmöglich erschien. Sie sahen Tumore, die ihnen völlig unbekannt waren und furchtbare Lippen-Kiefer-Gaumenspalten. Aber sie sahen auch, wie viel Gutes man mit einer einzigen Operation tun konnte. So entstand die deutsche Sektion von INTERPLAST. In den 27 Jahren, die seitdem vergangen sind, hat INTERPLAST GERMANY bei 748 Hilfseinsätzen etwa 60.000 Patienten operiert. Auf unseren Einsätzen behandeln wir Menschen, die durch angeborene Fehlbildungen, Verbrennungen, Kriegsverletzungen oder Infektionen wie Lepra, Kinderlähmung oder NOMA (Wangenbrand auf Grund von Mangelernährung) gezeichnet sind. Diese Menschen mit den oft erheblichen Entstellungen ihres Körpers haben in ihren Heimatländern keinen Zugang zu Operationen.

Vor-Ort-Hilfe mit Vorteilen
 Die Hilfe direkt vor Ort hat zwei Vorteile: Zum Einen kann man für den Preis einer Behandlung in Deutschland in einem Entwicklungsland 30 Kinder operieren. Rechnet man alle INTERPLAST-Ausgaben aus 2007 auf die operierten Patienten um, kostet ein operierter Patient nicht mehr als 150 Euro. Zum Anderen ist die Ausbildung unserer Kollegen vor Ort eines der Hauptziele unserer Einsätze. Wir bringen ihnen Operationen bei, die an die örtlichen Bedingungen, das einfache Material, die Hitze, die hygienischen Bedingungen und die Konstitution der Patienten angepasst sind.

Für einen INTERPLAST-Einsatz wird zunächst ein Operationsteam aus erfahrenen Plastischen Chirurgen, Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgen, Anästhesisten und OP-Schwestern und Pflegern zusammengestellt. Der Einsatz dauert in der Regel zwei Wochen. Alle arbeiten unentgeltlich und während ihres Urlaubs. Die Einsätze werden von den Mitgliedern selbst organisiert, wir sammeln Spenden für Flug, Unterkunft und Verpflegung, Medikamente und Nahtmaterial werden manchmal von Firmen gespendet. Diese dezentrale Struktur führt dazu, dass INTERPLAST nur etwa drei Prozent seines Budgets für Verwaltungskosten ausgibt.

Meist hat sich schon vor unserer Ankunft herumgesprochen, dass ein Team kommt. Dann warten manchmal hunderte Menschen auf uns, und nur einige Dutzend können operiert werden. Diese Auswahl der Patienten ist der schwierigste Moment für das Team. In langen Operationstagen, die am frühen Morgen beginnen und oft erst lange nach Sonnenuntergang enden, werden dann so viele Patienten wie möglich operiert.

Freundlichste Menschen
Wenn man mit dem Flugzeug von der afrikanischen Küste kommt, taucht Madagaskar plötzlich wie ein vergessener Kontinent im Indischen Ozean auf. Ein portugiesischer Seefahrer, Kapitän Diego Diaz, war im Jahr 1500 von der Indien-Route abgekommen und hatte als Erster die Nachricht von einer gewaltigen roten Insel vor der Küste Afrikas nach Europa gebracht. Marco Polo nannte die Insel dann Madagaskar. Als ich hörte, unser Einsatz würde nach Madagaskar gehen, hatte ich mich mental auf Afrika eingestellt. Aber Madagaskar mit seinen Reisfeldern und seiner hügeligen grünen Landschaft wirkt zunächst eher asiatisch. Man geht heute davon aus, dass indonesische Siedler vor etwa 2000 Jahren auf eine menschenleere Insel gekommen sind. Die Madagassen allerdings glauben, dass ihre Insel der Ort des „absoluten Ursprungs“ ist und dass ihre Ahnen weiße Pygmäen waren, so gen. Vazimba. Madagaskar war lange Zeit eine Monarchie und zwischen 1895 und 1960 französische Kolonie. Zwei Dinge tragen zur Faszination dieser Insel bei: Zum Einen sind die Madagassen wohl die freundlichsten und liebenswürdigsten Menschen, die man treffen kann. „Fihavanana“ - die Freundschaft gegenüber allen Menschen - ist ein wichtiger Teil ihrer Kultur. Das zweite ist eine endemische Flora und Fauna, es gibt viele tausend Arten, die nur auf Madagaskar vorkommen. Die Lemuren, aufgeregte Halbaffen, sind ein Symbol dieser Flora und ein Wahrzeichen Madagaskars. Dennoch gehört Madagaskar zu den 10 ärmsten Ländern der Welt, etwa die Hälfte der Bevölkerung lebt von weniger als einem Dollar pro Tag. Man sieht viel Elend, Menschen, die in überfüllten Straßen entweder betteln oder versuchen, ein bisschen Kunsthandwerk zu verkaufen, zerfallene Gebäude. Das Gesundheitsamt berichtet über Fälle von Lepra, Pest und Tollwut.

Acr98952705535400-24336.jpgINTERPLAST ist international tätig und so arbeiteten auch in unserem Team deutsche und französische Kollegen gemeinsam. An sieben Operationstagen konnten wir 44 Patienten operieren, meist Kinder. Die Operationen betrafen zu etwa gleichen Teilen Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, Verbrennungen und Hände.

Zum Abschied habe ich einen kleinen Edelstein bekommen, der magnetische Kräfte haben soll und seinen Träger immer nach Madagaskar zurückführt. Es wird wohl nicht mein letzter Einsatz auf der „Roten Insel“ gewesen sein.

Wir werden oft gefragt, ob unsere Arbeit nicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, angesichts der allgegenwärtigen Not in den Entwicklungsländern.

Vielleicht. Aber einige von den Kindern, die ein INTERPLAST-Team operiert, bekommen durch eine Operation die Chance, dem Teufelskreis aus Krankheit, sozialer Ausgrenzung und Armut zu entfliehen, bekommen eine Chance auf Zukunft. Mein Kollege Patrick Knipper hat das in dem Satz zusammengefasst: Diesen Kindern ein Gesicht zu geben heißt, unseren eigenen chirurgischen Träumen ein Gesicht zu geben.


Dank einer Operation durch INTERPLAST kann dieses Kind wieder lächeln