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Die PNN über einen Hilfseinsatz von Dr. Schönborn mit Interplast auf Madagaskar.

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Berg, G. Operation bei Kerzenschein, in PNN 07.06.2008, S. 17  

Operation bei Kerzenschein


Der Chirurg Alexander Schönborn verbringt seinen Urlaub im Süden - an OP-Tischen in Entwicklungsländern

Was tun Ärzte in ihrer Freizeit? Porsche fahren, Golf spielen? Die Wahrheit kann eine ganz andere sein: Wir stellen zwei Potsdamer vor, die im Urlaub den Ärmsten der Armen helfen

Von Guido Berg

Es wirkt. „Ich muss wieder hin“, sagt Alexander Schönborn. Anfang Mai kam der plastische Chirurg am Potsdamer St. Josefs-Krankenhaus aus Madagaskar zurück. Dort schenkten sie ihm einen Edelstein, einen mit magnetischer Fähigkeiten, wie sie ihm sagten. Madagassische Eltern geben ihren Kindern oft diese Edelsteine mit, wenn diese aufbrechen um etwa in Europa zu studieren. Damit sie wieder zurückkommen, sagt der Oberarzt. Bei ihm funktioniert es, im nächsten Frühjahr ist er wieder dabei, wenn ein Team der Organisation Interplast für zwei Wochen aufbricht, um auf der Insel östlich der afrikanischen Küste Verstümmelungen operativ zu beseitigen, die in Europa in derart entstellenden Auswirkungen kaum jemand kennt.

Hasenscharten etwa. Schönborn zeigt auf seinem Laptop ein Bild von einem dreijährigen Mädchen mit einer tiefklaffenden Öffnung an der Oberlippe. Es ist ein angeborener Fehler, aber das Kind sieht aus, als sei es von einem Schwert getroffen worden. Eine Stunde dauerte die Operation. An der Seite von Interplast-Chirurgen wie Dr. Schönborn arbeiten immer auch einheimische Ärzte. Interplast will nachhaltig helfen: „Gebe ihnen einen Fisch und sie haben einen Tag zu essen. Lehre sie fischen und sie haben jeden Tag zu essen.“

Ein weiteres Bild zeigt das Kind eine Woche nach der OP: Die Lippe ist geschlossen, es wird eine kleine Narbe bleiben, doch es ist klar, das kleine Mädchen wird richtig sprechen lernen, richtig essen können, es wird sich normal entwickeln und dank des geheilten Gesichts die gleichen Lebenschancen haben wie andere Kinder ihres Alters in ihrem Land.

Sicher, es ist für Dr. Schönborn „zutiefst befriedigend“, diese schnellen sichtbaren Erfolge zu sehen, die er als plastischer Chirurg in den Entwicklungsländern hat. Bisher war er mit Interplast in Nigeria, Kirgisien und eben auf der viertgrößten Insel der Welt, Madagaskar. Der 36-Jährige kann es sich überhaupt nicht vorstellen, im Urlaub faul in der Sonne zu liegen. Sicher, auch christliche Erwägungen spielen bei seinen unbezahlten Interplast-Einsätzen eine Rolle, aber vor allem die Tatsache, dass er seinen Beruf gern ausübt: „Mir macht das Spaß, ich habe das gelernt.“

Die schwierigsten Momente erlebt der geborene Berliner bei der Ankunft. Meist hat sich herumgesprochen, dass ein Interplast-Team eintrifft. Dann warten hunderte Kranke vor der örtlichen Klinik. Betroffen sind zumeist Kinder. Madagaskar gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Die Hälfte der Bevölkerung lebt von weniger als einem Dollar pro Tag und hat keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Dr. Schönborn: „Es kümmert sich niemand um sie.“ Zunächst sehen die Ärzte oft nur die Mütter, und dann erst, versteckt, die Kinder. Sie haben Tumore, angeborene Fehlbildungen, Verwachsungen nach schwersten Verbrennungen oder sie haben Noma, die unbekannte Krankheit, an der nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation jährlich 80 bis 90000 Kinder sterben - auf grausamste Weise. Noma greift Kinder nach der Muttermilchentwöhnung an, wenn das Immunsystem noch nicht entwickelt und die Nachfolgeernährung mangelhaft ist.

Nach ihrer Ankunft müssen die Ärzte entscheiden, wen sie operieren - und wen nicht. Zwar gibt es auch objektive Kriterien, aber anwenden müssen sie sie selbst. Sie entscheiden, wer dem Teufelskreis aus Entstellung, Krankheit und Armut entfliehen kann. Steht der Operationsplan, wird zwei Wochen lang von morgens bis abends operiert, unterbrochen von einem Ruhetag. „Man kann viel Gutes tun mit einer Operation“, sagt Dr. Schönborn. Er zeigt das Foto eines Noma-befallenen Mädchens, es ist unterernährt, ihr geschwächtes Immunsystem hat die Bakterien der Mundflora nicht mehr in Schach halten können. Sie haben sich durch die Gesichtshaut gefressen, der Wangenknochen liegt frei. Das griechische Wort Noma bedeutet „Weide“ oder „Weideland“ - das Gesicht wird abgeweidet durch die Bakterien.

Die Rettung ist verblüffend einfach: Zunächst bekam das Kind eine Nähr- und Penicillin-Lösung, um seinen Zustand zu stabilisieren. Später konnte Dr. Schönborn die Wunde operativ schließen. Das Kind war dem Tod geweiht, 90 Prozent der Noma-Kinder sterben, die, die überleben, so wird gesagt, „haben vergessen, zu sterben“, sie behalten schwerste Gesichtsentstellungen zurück. Nicht so das von Dr. Schönborn behandelte Mädchen.

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Dr. Alexander Schönborn ist plastischer Chirurg und leitender Oberarzt am St. Josefs-Krankenhaus in Potsdam.
Foto: Andreas Klaer

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Operieren bei Stromausfall: Es ist lediglich das Blitzlicht des Fotografen, das den Operationssaal erhellt - und der Schein einer einzelnen Kerze. Foto: Interplast

Etwa 60000 Patienten operierten die Ärzte von Interplast in 27 Jahren. Sie organisieren ihre Einsätze selbst, nur drei Prozent der Spenden müssen für die Verwaltung aufgebracht werden. 2007, sagt der plastische Chirurg, ergab die aufgewendete Spendensumme geteilt durch die Anzahl der operierten Patienten einen Wert von 150. Durchschnittlich kostet eine Operation 150 Euro; für etwa 150 Euro wird ein Patient von einer lebensbedrohlichen oder stark lebenseinschränkenden Erkrankung oder Verletzung geheilt.

Der Einsatz in den teils sehr schlecht ausgerüsteten Krankenhäusern ist für die Ärzte, die hochausgerüstete Medizin gewöhnt sind, nicht leicht. Mitunter fällt der Strom aus, ein Notstromaggregat existiert nicht und die Chirurgen operieren bei Kerzenlicht weiter. „Das macht es anstrengend“, sagt der Oberarzt: „Es ist warm, ungewohnt und die Krankheitsbilder sind weit fortgeschritten.“ Mitunter müssen sie im Krankenhaus übernachten. Am Abend essen sie gemeinsam, aber „an eine richtige Party kann ich mich nicht erinnern“, so Dr. Schönborn. Viel zu groß ist die Verantwortung gegenüber den Patienten, die am nächsten Morgen von der sicheren Chirurgenhand auf das Ende oder die Linderung ihres Leidens hoffen.


Entsteht nicht ein starker moralischer Druck, wenn jeder Urlaubstag das Lebensglück gleich mehrerer Menschen bedeuten kann? Dr. Schönborn wehrt ab, er fährt gern Snowboard, das hat er sich im vergangenen Winter auch für eine Woche gegönnt. Auch die anstehende Woche mit alten Schulfreunden auf Mallorca wird er wohl machen. Obwohl, „die Woche fehlt dann“. So gibt es eine Einladung von „Ärzte ohne Grenzen“, eine Woche lang in einem Krankenhaus im Nordirak zu operieren. Das ist reizvoll, wäre aber sehr riskant.


Der letzte Tag des Einsatzes ist immer der schönste. Dann sehen sich die Interplast-Chirurgen ihre Patienten noch einmal an. Dr. Schönborn hat die Bilder von operierten Kindern vor Augen, die sich Tage zuvor noch verschämt hinter ihren Müttern versteckten - und nun ausgelassen mit anderen Kindern spielen.


Spenden an Interplast: Konto-Nr. 2571990, BLZ: 37070024, Deutsche Bank
Köln. Stichwort: Potsdam.
Weitere Infos im Internet: www.interplast-germany.de