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Die MAZ über einen syrischen Flüchtling in Dr. Schönborns Team

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Rogge, L. Vom Chirurgen und Klinik-Chef zum Praktikanten, in MAZ, 31.12.2014  

Vom Chirurgen und Klinik-Chef zum Praktikanten

Gessan Tesare (59) ist aus Syrien geflüchtet. Um im Job zu bleiben, arbeitet er freiwillig im St Josefs.

Von Lisa Rogge

Potsdam - Ein reicher Mann war Gessan Tesare in Damaskus, mit seiner Familie wohnte er in einer großen Villa. Seine Patienten behandelte er in seiner eigenen Privatklinik. Vor einem Jahr entschied er, dass es nicht mehr geht. Dass er nicht noch einmal in Gefangenschaft geraten will und seine Frau 40 Tage keine Information von ihm hat. Dass ein Leben ohne Strom und fließend Wasser einfach nicht lebenswert ist.

Heute arbeitet der ausgebildete und promovierte Chirurg im St. Josefs-Krankenhaus - als Praktikant. Behandeln darf der 59-Jährige niemanden. Das ist nur in Deutschland zugelassenen Ärzten erlaubt. Mit dem Krankenhaus hat er vereinbart, dass er in Sprechstunden dabei ist, bei Operationen assistiert und zu Krankheitsbildern seine Einschätzung abgibt. „In der Chirurgie gibt es häufig mehr als einen Behandlungsweg. In solchen Fällen diskutieren wir gemeinsam die Möglichkeiten", sagt Alexander Schönborn, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie. Bei der ersten Operation hat er gemerkt, dass der Syrer ein Experte auf seinem Gebiet ist: „ Schon daran, wie er einen Haken hält, merkt man seine gute Ausbildung." Mitlaufen, zuhören und Abläufe kennen lernen - der 59 Jahre alte Tesare steht wieder da, wo er im Studium angefangen hat. „Das ist das Leben", sagt er dazu. Mit seiner Frau, den fünf Kindern und dem Schwiegersohn wohnt er im Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde. Lieber nimmt er die anderthalb Stunden Fahrzeit in Kauf, als in seiner kleinen Flüchtlingswohnung zu sitzen. Und sein Beruf, der ist ihm sowieso das wichtigste: Auf seiner Flucht aus Damaskus hat er ein mobiles Absaugegerät und ein „Sieb" mitgenommen, eine Box mit wichtigen Utensilien für Nasenoperationen.

Als der Syrer Ende September zum ersten Mal seinen neuen Chef begleitete, war er erstaunt: „Ich bin hier der einzige arabische Mitarbeiter. Das war überraschend", sagt Gessan Tesare. Wenn zwischen zwei Operationen Zeit bleibt, dann bringt er Fladenbrot und Oliven mit.

Drei Jahre darf Tesare nun in Deutschland bleiben. Bevor er seinen Beruf ausüben darf, steht allerdings noch eine Menge Bürokratie an: Um seine syrische Approbation anerkennen zu lassen, muss er eine Deutschprüfung bestehen. In nur elf Monaten hat der 59-Jährige so viele Vokabeln gelernt und Grammatik gepaukt, dass er sich fast fließend in der zuvor so fremden Sprache unterhalten kann.

Das St. Josefs-Krankenhaus ist von dem neuen Kollegen begeistert. „Wir möchten ihn gerne bei uns beschäftigen", sagt Geschäftsführer Hartmut Hagmann.

Gut ausgebildete Fachärzte sind in Deutschland rar. „Herr Tesare ist ein mustergültiges Beispiel dafür, dass wir von Integration profitieren", sagt Hagmann.

Zurückkehren in seine alte Heimat, das wird der Syrer wohl nicht. „Es würde Jahre dauern, um die Häuser wieder aufzubauen", sagt Gessan Tesare. Sein Wunsch? „Dass meine Frau auch hier arbeiten kann", sagt er. Auch sie ist Ärztin. Genau wie die Tochter und der Schwiegersohn.


Aktuelle Lage in Syrien
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Die Terrormiliz Islamischer Staat soll in Syrien 2000 Menschen enthauptet, erstochen oder erschossen haben.

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