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Bericht über drei Berliner Ärzte und ihren Einsatz für die Hilfsorganisation Interplast.

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Loos, A. An zwei Fronten, Tush (2011), Nr. 1, S 210  

An zwei Fronten

Im Hauptberuf sind sie Schönheitschirurgen, Im Urlaub heilen sie Verstümmelte und entstellte In Afghanistan, Namibia oder Benin. Drei Berliner Ärzte und ihr Einsatz für die Hilfsorganisation Interplast.

Text Annekatrin Looss

„Darf ich wenigstens die Haare waschen? Auch nicht?“ Die junge Frau fährt sich durch die Spitzen, während Volker Rippmann sie vor dem Fahrstuhl verabschiedet. An diesem Morgen hat der Schönheitschirurg ihr die Nase gerichtet. Doch es gibt neuen Grund zur Sorge: die Frisur. Im Fahrstuhl betastet sie den Verband mitten im hübschen, jungen Gesicht. „Und Luft bekomme ich auch nicht.“ Schnupfen und Nasenkorrektur gehen nicht gut zusammen. Immerhin: Vor der Tür wartet ein Taxi. Es wird sie zum Friseur fahren. Von seinem Op-Tisch aus blickt Rippmann, 39 Jahre alt, auf eine der teuersten Gegenden Berlins, den Gendarmenmarkt. seine Klientel: „Vor allem Medienleute.“ Sein Angebot: „das klassische Schönheitsprogramm.“

Die Kunden des Schönheitschirurgen Rippmann fahren Taxi, die Patienten des Arztes Rippmann laufen schon Wochen vor der Behandlung in ihrem Heimatdorf los, um rechtzeitig in Namibias Hauptstadt Windhoek zu sein. Seinen Kunden hier strafft er Stirnen und Bauchdecken, bastelt größere Brüste und kleinere Nasen, macht sie hübsch für die kommende Saison oder den nächsten roten Teppich. Seine Patienten dort befreit er von Tumoren, die ihre Gesichter entstellen, entfernt ihnen Wucherungen von nie behandelten Wunden und operiert missgebildete Hände und Füße. Seine Kunden hier wollen schöner aussehen als die anderen, seine Patienten dort wollen genauso aussehen wie alle anderen, um nicht verstoßen zu werden. Ein Körper, der der Norm entspricht, sichert ihr Überleben.

Wie rund 800 andere deutsche Mediziner arbeitet Rippmann für die Hilfsorganisation Interplast. 1965 in den USA gegründet, hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen in unterentwickelten Ländern und Kriegsgebieten durch plastisch-chirurgische Eingriffe zu helfen. 3000 Patienten operieren die Ärzte von Interplast jedes Jahr - in ihrem Urlaub und ohne Bezahlung. Rippmann ist einer von ihnen, wie auch sein Praxispartner Christian Roessing, 39, der 2002 in Afghanistan Minen- und Verbrennungsopfer operiert hat. Alexander Schönborn, der die Abteilung für plastische Chirurgie des Berliner St.-Hedwig-Krankenhauses leitet, hat schon den vierten Einsatz hinter sich. Er war in Madagaskar und Nigeria, in Kirgisien und in Benin. Sie alle kämpfen als Ärzte an zwei Fronten. In Berlin schenken sie Ebenmaß oder Jugend, in der dritten Welt bestimmen sie über Leben.

Jeder Aufenthalt beginnt mit einem Tag der Entscheidungen. Knapp 300 Patienten warten im April im Foyer des Zentralkrankenhauses von Windhoek auf Volker Rippmann und seine vier Kollegen. 80 Patienten werden sie behandeln können, wenn sie die kommenden vierzehn Tage von morgens acht bis abends acht operieren. Rippmann entscheidet sich für etwa 30 Patienten mit Verbrennungen. „An den simplen Feuerstellen dort passieren schnell Unfälle.“ Außerdem wird er auch ein Dutzend Frauen operieren, deren Brüste nach der Geburt mehrerer Kinder so groß und schwer sind, dass die Frauen nur mit Mühe aufrecht gehen können. Er wird einem 17-Jährigen mehrere Tumore aus dem Gesicht entfernen, sodass der wieder sehen, essen und sprechen können wird. Einer Fünfjährigen schenkt er eine eigenständige Zukunft statt ein Leben, in dem sie von Almosen abhängig ist. Vor zwei Jahren war sie in eine offene Feuerstelle gefallen und hatte sich die rechte Hand verbrannt. Ihren Fingern fehlen nun einige Glieder, sie sind krumm und miteinander verwachsen. Rippmann wird die Knochen mit Hilfe von Drähten richten. Er operiert sie noch am selben Tag. „Dann können wir die Drähte in zwei Wochen entfernen.“ Wenn er die Drähte nicht selbst entfernt, bleiben sie drin. Chirurgen sind selten in Namibia. Und für die Familie des Mädchens unbezahlbar. Den Siebenjährigen mit dem Tumor am Hinterkopf hatte er gern operiert, der Tumor war bösartig, Eile geboten. Doch diese Operation war zu aufwändig für die zur Verfügung stehenden zwei Wochen. „Es ging einfach nicht.“ Einem anderen Jungen hat er das Gesicht nicht gerichtet, obwohl es von einem Brand entstellt war. Aber: „Seine Gesundheit war nicht gefährdet.“ Außerdem war er trotz Entstellung gut in seiner Familie integriert. Er schickte den Jungen wieder nach Hause, genau wie rund 200 andere Wartende. „Ein bitterer Moment.“ Die Tatsache, helfen zu können, zieht Ärzte wie Rippmann, Roessing und Schönborn in die dritte Welt. Der Fakt, nicht genug helfen zu können, lässt sie immer wieder zurückkehren.

„Wer einmal für Interplast unterwegs war, will es wieder tun“, sagt Rippmann. „Ich kenne niemanden, der nur einmal in der dritten Welt war“, sagt Roessing. Rippmann will 2011 nach Vietnam. Roessing nach Indien. Schönborns fünfter Einsatz wird ihn zurück nach Benin führen. „Man sieht dort ganz andere Krankheiten, arbeitet unter ganz anderen Bedingungen.“ Er hat schon bei 50 Grad Celsius in fensterlosen Räumen, unter freiem Himmel und nachts ohne Strom bei Kerzenschein operiert. Es sind vor allem die Noma-Kranken, die ihn immer wieder zurückkehren lassen. Eine Krankheit, die von Nahrungsmangel und schlechter Hygiene begünstigt wird. Durch eine zunächst harmlose Infektion wird den Erkrankten zum Teil das halbe Gesicht regelrecht zerfressen. Nur 20 Prozent überleben die Krankheit. Wenn sie Glück haben, landen sie bei Schönborn, der ihnen mit Hilfe von plastischer Chirurgie das Gesicht wiederherstellt. Roessing dagegen hat in Afghanistan gesehen, was mehr als 30 Jahre Krieg dort angerichtet haben. Es gibt kaum noch Ärzte im Land. Menschen mit alten vereiterten Wunden, falsch verheilten Knochenbrüchen, alten Schussverletzungen, Lähmungen und entstellenden Narben kamen zu ihm. Nie vergessen wird er den kleinen Jungen, der sich an einem Wasserkessel hochziehen wollte, der über einer Feuerstelle hing. Er verbrühte sich am ganzen Körper, wurde nie behandelt und lag ein Jahr lang wimmernd in der Hütte seiner Eltern. Nur eines hat keiner der drei Ärzte bislang gesehen, Schönborn und Rippmann in Afrika ebenso wenig wie Roessing in Afghanistan; dabei hat die Geschichte eines afghanischen Mädchens die Arbeit von Ärzten wie den drei Berlinern erst kürzlich wieder ins Licht der Öffentlichkeit gerückt: Weil sie ihm davongelaufen war, schnitt ihr Ehemann, ein Taliban, der 19-jährigen Aisha Nase und Ohren ab. Das Cover des Time-Magazins mit ihrem verstümmelten Gesicht rief weltweit Empörung hervor. Dabei ist Aisha kein Einzelschicksal: Mütter und Ehefrauen, Töchter und Schwestern werden Lippen und Ohren abgeschnitten als Reaktion auf erdachte Untreue. Aisha hatte Glück im Unglück: Ihr Ehemann hatte sie zum Sterben in den Bergen zurückgelassen, wo sie von amerikanischen Soldaten gefunden, gerettet und dann an das Magazin vermittelt wurde. Eine Ausnahme. Im Normalfall werden Frauen, denen so etwas angetan wurde, versteckt. „Dinge, die das System in Frage stellen, zeigt man den Ärzten aus dem Ausland nicht gern“, sagt Roessing.

Schönborn hat Ähnliches mit Noma-kranken Kindern erlebt. Erst, als er mit Medizinmännern in Benin sprach, erfuhr er von den versteckten Schicksalen und konnte helfen. Immerhin, für die 19-jährige Aisha gab es Hilfe: Ärzte des Grossman Burn Centers, einer Klinik für plastische Chirurgie in Los Angeles, passten ihr als Übergangslösung eine Nasenprothese aus Silikon an. Obwohl sie einen Teil ihres Urlaubs damit verbringen, anderen zu helfen, sieht keiner der drei Ärzte sich als Gutmenschen. „Das ist nichts für Leute mit Helfersyndrom“, sagt Rippmann. „Es ist ein tougher Job“, sagt Roessing. Nicht nur für die Ärzte, sondern auch für die Krankenschwestern, Logistiker und Ingenieure. „Es geht darum, so viele Menschen wie möglich so gut wie möglich zu operieren“, sagt Schönborn. Das Ziel: Die Menschen befähigen, ihr eigenes Geld zu verdienen. „Man tut es auch für sich selbst“, sagt Rippmann. „So ein Einsatz hilft, in dieser doch recht oberflächlichen Welt zurechtzukommen“, sagt er und blickt sich in seiner Praxis um. „Meine Güte“, habe er nach seiner Rückkehr manchmal gedacht, wenn etwa eine Kundin auch noch am letzten Fältchen in ihrem Gesicht rummäkelte. Andererseits profitieren seine Patienten dort auch irgendwie von seinen Kunden hier, von seiner Routine als Schönheitschirurg. Dem Jungen, dessen Auge nicht richtig schloss, implantierte er ein Stück Haut in das Augenlid. „Das wäre sicher nicht so gut gelungen, wenn ich hier nicht jeden Tag Lider straffen würde.“ „So ein Einsatz relativiert alles“, sagt Rippmann und erinnert sich an seinen letzten Tag im Krankenhaus von Windhoek. Alle Patienten, die er in den vergangenen zwei Wochen operiert hatte, stellten sich noch einmal vor. Rippmann entfernte Drähte, wechselte zum letzten Mal die Verbände. Als er ging, drehte er sich zum Abschied um, sah auf einen Innenhof voller dankbarer Patienten. 80 verbundene Körper und 80 Paar glückliche Augen. Das hatte er in seiner Praxis am Gendarmenmarkt noch nie.